WM-Spezial 2026: Deutschland gegen Paraguay

Valentina wusste nicht, warum sie beim letzten Mal gedacht hatte: Alte Möbel, die keiner mehr braucht, gehen auch gerne mal kaputt. Und dann hatte sie genau so einen Schrank gekauft. Paraguay-Nussbaum, sagte der Händler auf dem Flohmarkt. Seltenes Holz. Sie kannte nur eine einzige Nussbaumsorte richtig gut, aber sie dachte: Ich rocke das.

Jetzt stand das Ding in der Werkstatt, und es war hart anzugucken. Drei Schubladen klemmten, die Rückwand hatte einen Riss, und das linke Bein knickte ein, sobald man dagegenstieß. Ein sehr schweres Stück Arbeit. Valentina leimte, schliff, setzte an, scheiterte. Der Wille war nur halb da, weil sie im Kopf nicht ganz frisch war nach dem Fail mit dem Küchentisch letzte Woche, der sie drei Abende und Rückenschmerzen gekostet hatte. Aber sie blieb beharrlich. Wer beharrlich bleibt, kommt zum Ziel – das hatte ihre Großmutter gesagt, eine Frau, die alles bis zur letzten Konsequenz durchzog. Und irgendwann, spätabends, fast in der Nachspielzeit des Tages, hielt die dritte Schublade. Dann die zweite. Dann, als Kirsche auf der Sahne, saß auch das Bein wieder fest.

Valentina trat einen Schritt zurück und betrachtete den Schrank. Nicht schön, wenn man genau hinsah. Aber stabil. Individuelle Klasse ist, dachte sie, wenn man weiß, wann Aufhören besser aussieht als Weitermachen. Am nächsten Morgen klemmte die erste Schublade wieder.

Unser gemeinsames Orakelergebnis: 2:1 für Deutschland

Die Schwere der Beschwerde

___ hat mir nur den Titel der Folge geschickt. Nur den Titel. Nicht den Inhalt, nicht die Richtung, nicht einmal ein halbwegs nettes „mach mal ungefähr so“, sondern bloß: „Die Schwere der Beschwerde“. Und daraus soll ich nun Shownotes machen. Ich bin offenbar nicht mehr Mitpodcaster, sondern ein Beschwerdeverarbeitungsapparat mit Ohren.

___ Anfang steht also nicht die Idee, sondern die Lücke. Der Titel ist da, aber alles andere fehlt. Das ist gemein. Eine Beschwerde braucht Gewicht, braucht Anlass. Die Beschwerde soll schwer sein, und das ist sie je normalerweise, weil sie immer etwas mit enttäuschter Hoffnung zu tun hat. Wer sich beschwert, hat ja vorher noch geglaubt, es könne besser sein.

Das ___ dieser Erkenntnis ist, dass ich hier sitze und aus einem Titel einen Text auswringen soll wie aus einem nassen Handtuch. Ich komme also, um mich zu beschweren über die Beschwerde, und damit ist auch schon alles gesagt. Denn die Beschwerde beschwert sich nicht über die Welt, sie macht die Welt überhaupt erst beschwerlich. Ohne Beschwerde wäre alles leichter. Aber auch langweiliger, dümmer.

Natürlich ___ ich Teddy. Über diese Unverschämtheit, mir einen Titel einfach hinzuwerfen. Aber während ich mich beschwere, merke ich, dass der Titel gar nicht schlecht ist. Das ist das Schlimmste: ___ sitze hier und muss zugeben, dass ausgerechnet dieser dieser Titelhändler, dieser Versender von Zumutungen, wieder einmal recht hatte.

Du übertriffst ___ selbst mal wieder, glaube ich, und hier liegt die eigentliche Schwere: Man will wütend sein, aber die Wut trägt einen irgendwohin. Man will schimpfen, aber plötzlich entsteht ein Gedanke. Man will Teddy verfluchen, ___ am Ende schreibt man doch seine Shownotes.

Also gut. Hier stehen sie. Ich habe sie gemacht, widerwillig, beschädigt. Und ___ sitze ich zufrieden hier auf meinem  ___.

WM-Spezial 2026: Ecuador gegen Deutschland

Im Reiseführer hatte gestanden, man müsse sich die Höhe von Quito wie einen unsichtbaren Gegner vorstellen. Elena hatte das für Unsinn gehalten. Jetzt, auf zweitausendachthundert Metern, revidierte sie ihre eigene Idee.

Sie war gut in den Urlaub gestartet. Zwei Tage Küste, leichtfüßig, ohne Probleme. Dann Ecuador von unten nach oben, Bus um Bus, und plötzlich war die Luft dünn und der Kopf leer. Trotzdem stand sie um 6 auf der Dachterrasse des Hostels. Keine Minute Pause, das hatte sie sich vorgenommen. Die Reise war kurz, drei Wochen, jeder Tag zählte. Sie wollte nichts schonen, schon gar nicht sich selbst. Unten auf der Straße lief ein Mann mit einem Transistorradio am Ohr vorbei. Er blieb an der Ecke stehen, lauschte, fluchte leise, ging weiter. Irgendetwas lief nicht nach Plan für ihn heute.

Elena trank ihren Kaffee und dachte an zu Hause. Ihre Schwester hatte gesagt: Du wirst nach zwei Wochen müde sein und nichts mehr sehen wollen. Aber das Gegenteil passierte. Je länger sie unterwegs war, desto genauer schaute sie hin. Keine Unkonzentriertheit, keine Ungenauigkeit im Blick. Als würde die Reise selbst sie schärfen.

Um 7 war sie unten auf der Straße. Der Mann mit dem Radio kam zurück, diesmal von der anderen Seite. Er sah sie an und hob kurz die Hand, wie jemand, der weiß, dass der Morgen für alle schwierig anfängt, aber trotzdem nicht aufhört.

Unser gemeinsames Orakelergebnis: 5:1 für Deutschland

Plötzlich im Jahr 2007

Ich ging zum Rhein runter, obwohl ich den Rhein nie leiden konnte, nicht den Rhein selbst, sondern dieses Zum-Rhein-Runtergehen. Am Übergang von der Agentur zur Rheinpromenade stand ein Mann, der Teddy ähnlich sah, aber nicht Teddy war, schlimm genug Teddy allerdings, um mich sofort zu verärgern.

Er sagte, er komme aus dem Jahr 2026.

Ich sagte, das sei keine Information, sondern eine hanebüchende Belästigung.

Er zog ein großes, flaches iPhone hervor, glatt und anmaßend, und zeigte mir darauf Fotos, die Sagrada Familia, weitergebaut als erlaubt, und einen Kassenzettel mit einem Datum, das es noch nicht geben durfte. Ich sagte, das sei alles gefälscht. Kalender armselig, Fotos verdächtig, Kassenzettel die verknüllte Inkorporation einer Niederlage.

Dann gab er mir eine Euro-Münze. Prägedatum 2021. Ich hielt sie in der Hand und dachte, dass es doch lächerlich war, dass die Zukunft, wenn sie sich schon beweisen will, ausgerechnet als Kleingeld erscheint.

Er sagte, nun müsse ich ihm glauben.

Ich sagte, ich müsse gar nichts.

Da öffnete der clonkatzige Teddy sein Telefon und spielte mir eine Podcastfolge vor. Die Stimme von Teddy sagte: Herr Müller. Ich sagte: Herr Teddy. Teddy sagte: Es ist Zeit. Und ich antwortete: Hallo, ja.

Es war, so sagte er, unsere aktuelle Folge aus dem Jahr 2026. Eine Folge darüber, wie man im Jahr 2007 beweist, dass man aus dem Jahr 2026 kommt.

Ich gab ihm seine Münze zurück und sagte, er solle sich ein Eis dafür kaufen.

Er sagte, hier ginge das vielleicht noch, im Jahr 2026 würde man dafür nicht einmal mehr 5 Minuten in der Bonner Innenstadt parken können.

Er fragte, ob ich überzeugt sei.

Ich sagte, überzeugt nicht. Aber ruiniert, sagte ich, ruiniert sei ich jetzt immerhin.

Idee: TRIS Clips

WM-Spezial 2026: Deutschland gegen Elfenbeinküste

Mariam roch das Chlor schon im Treppenhaus, dieser scharfe, vertraute Geruch nach Disziplin. Sophie war wie immer schon da, Bahn drei. Sie nickten sich zu. Worte brauchte es zwischen ihnen nicht mehr, seit ungefähr zehn Jahren.

Beide hatten ihre Wettkämpfe für diesen Monat schon hinter sich. Mariam hatte sich qualifiziert, Sophie ihre Bestzeit pulverisiert. Eigentlich, dachte Mariam, während sie ins Becken glitt, müsste hier heute gar nichts mehr passieren. Ein paar lockere Bahnen, fertig. Aber so läuft das nie. Nach der zweiten Bahn merkte sie, dass Sophie anzog. Stabil, gleichmäßig, kein Sprint, nur diese leise Verschiebung im Tempo. Mariam konterte instinktiv. Drei Bahnen lang ein harter, lautloser Kampf, den keine von beiden eigentlich gewinnen wollte. Es war alles in den Köpfen jetzt.

Mariam dachte an die Reise nach Côte d’Ivoire nächsten Monat, ihre Schwester wartete dort mit drei Sorten Kakao und einem Plan für die Strandtage. Eine Woche kein Chlor, das wäre schön.

An der Wand kamen sie gleichzeitig an, die Hände tippten im selben Moment die Kacheln. Sophie lachte kurz unter Wasser auf, eine Blasenkette stieg hoch. Unentschieden, sagte ihr Blick. In Ordnung, sagte der von Mariam. Sie schwammen noch zwei Bahnen, jetzt richtig locker, und einigten sich wortlos darauf, dass das heute völlig genug war. Eine merkwürdige Konstellation, dachte Mariam. Zwei Frauen, die sich nichts mehr beweisen müssen und es trotzdem tun. Vielleicht ist genau das die Übung.

Unser gemeinsames Orakelergebnis: 2:1 für Deutschland